Warum jede zusätzliche Folie durchschnittlich drei reale Maßnahmen ersetzt
Forschungsbericht des Instituts für digitalen Unsinn

Zusammenfassung
Die vorliegende Untersuchung beschäftigt sich mit einem bislang wenig beachteten Zusammenhang zwischen Präsentationsumfang und organisatorischer Aktivität. Während klassische Managementtheorien davon ausgehen, dass Präsentationen der Vorbereitung von Entscheidungen dienen, deuten aktuelle Beobachtungen auf einen umgekehrten Effekt hin: Mit zunehmender Anzahl von PowerPoint-Folien sinkt die Wahrscheinlichkeit tatsächlicher Maßnahmen signifikant.
Die Ergebnisse legen nahe, dass eine professionell gestaltete Präsentation in modernen Organisationen nicht primär der Umsetzung dient, sondern diese zunehmend ersetzt. Im Durchschnitt konnten pro zusätzlicher Folie drei reale Aktivitäten eingespart werden.
Einleitung
In nahezu allen Bereichen moderner Organisationen gilt Sichtbarkeit als Voraussetzung für Handlungsfähigkeit. Projekte müssen dokumentiert, Prozesse visualisiert, Strategien kommuniziert und Ergebnisse präsentiert werden. Dabei hat sich die PowerPoint-Präsentation als dominierendes Medium organisationaler Wirklichkeit etabliert.
Beobachter berichten seit Jahren von einem bemerkenswerten Phänomen: Je umfangreicher die Dokumentation eines Vorhabens ausfällt, desto geringer scheint häufig die Notwendigkeit zu sein, das Vorhaben selbst umzusetzen.
Anders formuliert:
Sobald eine Maßnahme überzeugend dargestellt wurde, entsteht der Eindruck, sie habe bereits stattgefunden.
Methodik
Für die Studie wurden 1.200 Projektgruppen aus Unternehmen, Behörden und Bildungseinrichtungen untersucht.
Erfasst wurden:
- Anzahl der Präsentationsfolien
- Anzahl der Meetings
- Anzahl tatsächlich umgesetzter Maßnahmen
- wahrgenommener Projekterfolg
- Anzahl verwendeter Kreislaufdiagramme
Besonderes Augenmerk lag auf Nachhaltigkeitsprojekten, da diese traditionell einen hohen Dokumentationsgrad bei gleichzeitig schwer messbaren Ergebnissen aufweisen.
Ergebnisse
Die Auswertung zeigte eine überraschend stabile Korrelation.
Mit jeder zusätzlichen Folie sank die Zahl realer Aktivitäten um durchschnittlich drei Einheiten.
Dabei handelte es sich beispielsweise um:
- tatsächlich gepflanzte Bäume
- ersetzte Leuchtmittel
- durchgeführte Prozessänderungen
- reduzierte Dienstreisen
- konkrete Energieeinsparungen
Gleichzeitig stieg die wahrgenommene Projektaktivität deutlich an.
Besonders hohe Werte wurden bei Präsentationen beobachtet, die folgende Elemente enthielten:
- grüne Farbverläufe
- stilisierte Blätter
- Kreisdiagramme ohne Zahlen
- Menschen mit Klemmbrett
- Hände, die einen kleinen Baum halten
Bereits ab der dritten Baumgrafik verdoppelte sich die Einschätzung des Projekterfolgs.
Das Gesetz der visuellen Kompensation
Die Daten führten zur Formulierung des sogenannten Gesetzes der visuellen Kompensation.
Dieses besagt:
Der organisatorische Wunsch nach tatsächlicher Veränderung nimmt proportional zur Qualität ihrer Darstellung ab.
Sobald ein Projekt ausreichend visualisiert wurde, entsteht eine psychologische Entlastungswirkung.
Die Organisation empfindet Fortschritt, obwohl noch keiner stattgefunden hat.
Die Präsentation übernimmt damit eine Funktion, die ursprünglich der Realität vorbehalten war.
Die PowerPoint-Sättigungsgrenze
Ein weiterer Befund betrifft die sogenannte PowerPoint-Sättigungsgrenze.
Ab etwa 47 Folien tritt ein Zustand ein, in dem Teilnehmer nicht mehr zwischen Planung, Kommunikation und Umsetzung unterscheiden können.
In Interviews äußerten zahlreiche Befragte die Überzeugung, bestimmte Maßnahmen seien bereits erfolgt.
Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass sie lediglich mehrfach auf Folie 23 dargestellt worden waren.
Der Nachhaltigkeits-Substitutionseffekt
Besonders ausgeprägt zeigte sich der Effekt bei Projekten mit Nachhaltigkeitsbezug.
Hier konnten verschiedene Ersatzmechanismen identifiziert werden:
| Reale Maßnahme | Präsentationsäquivalent |
|---|---|
| Energiesparen | Glühbirnen-Icon |
| Aufforstung | Waldfoto |
| Mobilitätskonzept | Pfeildiagramm |
| Kreislaufwirtschaft | Kreisgrafik |
| Klimaschutz | Erdkugel mit Blatt |
In mehreren Fällen erreichte die Qualität der Visualisierung ein Niveau, das eine tatsächliche Umsetzung aus Sicht der Beteiligten nahezu überflüssig erscheinen ließ.
Diskussion
Die Ergebnisse werfen grundlegende Fragen über die Beziehung zwischen Darstellung und Wirklichkeit auf.
Möglicherweise befindet sich die moderne Organisation in einem Übergang von der aktionsbasierten zur präsentationsbasierten Wertschöpfung.
Während frühere Generationen Probleme lösten, erzeugen heutige Systeme zunehmend hochwertige Dokumentationen ihrer Lösungsabsichten.
Der Erfolg wird dabei nicht mehr am Ergebnis gemessen, sondern an der Überzeugungskraft seiner Darstellung.
Die PowerPoint-Präsentation wird somit von einem Kommunikationsmittel zu einem Ersatzprodukt für Realität.
Fazit
Die Untersuchung legt nahe, dass PowerPoint in modernen Organisationen weit mehr leistet als reine Informationsvermittlung.
Sie erzeugt Fortschrittsgefühle, simuliert Aktivität und reduziert den Bedarf an tatsächlichen Maßnahmen auf ein organisatorisch verträgliches Minimum.
Die durchschnittliche Präsentation ersetzt dabei drei reale Aktivitäten pro Folie.
Besonders effiziente Organisationen erreichen inzwischen Einsparungen von bis zu fünf Maßnahmen je Folie und gelten damit als Vorreiter einer nachhaltigen Dokumentationskultur.
Die Studie wurde vom Institut für digitalen Unsinn gemeinsam mit dem Zentrum für strategische Visualisierung und dem Europäischen Netzwerk für symbolische Zielerreichung durchgeführt. Die Ergebnisse wurden auf 127 Folien präsentiert.